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Rezension:
Bröcker, Nicola; Kress, Celina: Südwestlich
siedeln. Kleinmachnow bei Berlin. Von der Villenkolonie zur Bürgerhaussiedlung.
Berlin: Lukas Verlag für Kunst- und Geistesgeschichte 2004.
ISBN 3-936872-30-9; 183 S., 120 s/w & 110 f. Abb.; EUR 24,90.
Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Martin Schaefer,
Potsdam
Der städtebaulichen, architektonischen und gartenkünstlerischen
Entwicklung des Berliner Südwestens wird in den letzten 20
Jahren
zunehmend Aufmerksamkeit gewidmet. Dabei standen zu Beginn naturgemäß
die spektakulären Exponenten wie das Grunewald-viertel oder
die Kolonie Alsen im Mittelpunkt. Insofern verdient es Beachtung
als Signal für eine neue Forschergeneration, wenn sich die
Kunsthistorikerin Nicola Bröcker und die Architektin Celina
Kress für ihre Studie nicht eine der "naheliegenden"
Kolonien wie etwa Lichterfelde oder Zehlendorf gewählt haben,
sondern ein besonders sperriges Objekt, nämlich Kleinmachnow.
Denn während dieser Ort in vieler Hinsicht dem Stereotyp der
Berliner Koloniegründungen entspricht, fehlt doch eines der
wesentlichen Elemente, nämlich ein S-Bahn- oder U-Bahn-Anschluß.
Wie zur Bestätigung dieses planerischen Geburtsfehlers ist
Kleinmachnow als einziger
südwestlicher Villenvorort 1920 nicht nach Groß-Berlin
eingemeindet
worden.
Die beiden Autorinnen gehen den Ursachen und Auswirkungen dieses
Makels im einzelnen nach und präsentieren dabei das Bild einer
nur in Teilen aufgegangenen Spekulation. Wäre die S-Bahn oder
die U-Bahn gekommen, mit Sicherheit hätte Kleinmachnow eine
ganz andere Entwicklung genommen. So aber spielte die Kolonie seit
ihrer Gründung vor allem ihren Preisvorteil gegenüber
den besser an den öffentlichen Nahverkehr angebundenen Siedlungsgebieten
aus: Man konnte (und kann) dort in jeder
Hinsicht so wohnen, wie es einem typischen Berliner "grünen
Vorort" entspricht, nur zu einem viel günstigeren Preis.
Das Werk ist in vier Abschnitte gegliedert. Einer städtebau-
und
siedlungsgeschichtlichen Einführung zur Entwicklung Kleinmachnows
in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von Celina Kress
folgt eine
Beschreibung des ersten Entwicklungsabschnitts, der Zehlendorfer-Kleinmachnower
Villenkolonie 1904-1914 von Nicola Bröcker, nebst einem Bestandskatalog
der kaiserzeitlichen Villenkolonie (ebenfalls von Nicola Bröcker).
Den Abschluß bildet ein Abschnitt über den letzten Entwicklungsabschnitt
vor dem 2. Weltkrieg, der Bürger-haussiedlung Kleinmachnow
1927-1937 von Celina Kress. Mit dieser
Aufteilung gelingt es den Autorinnen, das Thema sowohl hinsichtlich
der Gesamtentwicklung als auch im Hinblick auf die architektonische
Ausformung im Detail auf eine ebenso anspruchsvolle wie verständliche
und gut lesbare Art darzustellen.
Zudem haben sie mit der Auswahl und Anordnung des außerordentlich
reichhaltigen Abbildungsmaterials eine sichere Hand bewiesen, so
daß das Werk nicht nur den vielen neuen und alten Bewohnern
Kleinmachnows eine Freude, sondern dem wissen-schaftlichen Nutzer
ein wertvolles Arbeitsmittel sein wird. Dabei gelingt es den Autorinnen
in jedem Abschnitt des Buches, ihre Forschungsergebnisse in das
jeweilige gesellschaftliche und wirtschaftliche Umfeld einzuordnen,
wenn sie etwa im einzelnen die Rolle des Architekten Bruno Schmitz
in der ersten und die des Bauunternehmers Adolf Sommerfeld (heute
bekannt vor allem als
Bauherr des Gropius´schen Blockhauses in der Lichterfelder
Limonenstraße) in der letzten Phase der Siedlungsentwicklung
darstellen und in ihrer Bedeutung erläutern. Sehr illustrativ
wirken auch die Werbeanzeigen der Terraingesellschaften aus den
verschiedenen Entwicklungsphasen, die stets aufs neue eine zufriedenstellende
Antwort auf die wichtigste Vorort-Frage (zugleich der wunde Punkt
Kleinmachnows) zu geben versuchen: "Wieviel Minuten Fahrzeit
bis zum Potsdamer Platz?"
Von den verschiedenen Siedlungsabschnitten der zwanziger und dreißiger
Jahre, die sämtlich im Einführungskapitel vorgestellt
werden, wie etwa die "Eigenherd"-Siedlung, die "Winkler-Siedlung"
oder die "Villen-Kolonien" von Andresen oder der Villen-Parzellen
AG, wird nur die "Bürgerhaussiedlung 1927-1937" im
Detail behandelt. Angesichts der hohen Qualität dieser Einzeldarstellung,
wie auch derjenigen zur "Villenkolonie 1904-1914" nebst
dem Bestandskatalog wäre es wünschenswert gewesen, auch
zu den anderen Siedlungen mehr Details zu erfahren, zumal auch einige
Architekten der Bauhaus-Moderne in Kleinmachnow gebaut haben. Bleibt
zu hoffen, daß solche sinnvollen Nachträge in einer zweiten
Auflage noch ergänzt werden.
Abgesehen von solchen Erweiterungswünschen handelt es sich
nach alledem um ein Werk, das weit mehr darstellt als einen Beitrag
zur Lokalgeschichte Kleinmachnows. Es bildet schon jetzt ein wichtiges
Teilstück der "neuen" wissenschaftlichen Auseinander-setzung
mit der Siedlungs- und Architekturgeschichte des Berliner Südwestens.
Insofern ist "Südwestlich siedeln" ein besonders
gut gelungener Obertitel. Es bleibt zu hoffen, daß die Autorinnen
ihm noch weitere monographische Untertitel hinzufügen werden,
denn auf der architektur- und stadtplanungsgeschichtlichen Landkarte
dieser Region gibt es noch viele weiße Flecken.
Die Geschichte Berlins seit der Reichsgründung ist ohne seine
Villenkolonien und Siedlungen im Grünen nicht verständlich.
Solche
Viertel entwickelten sich nicht einfach, sie wurden entwickelt.
Das Werk von Nicola Bröcker und Celina Kress zeigt exemplarisch,
welche Erfolgsfaktoren dafür erforderlich waren und welche
Gestalt solche Entwicklungen zu verschiedenen Zeiten annahmen. Jedem,
der sich für bauliche Geschichte Berlins seit der Reichsgründung
und natürlich jedem, der sich speziell für die Geschichte
Kleinmachnows interessiert, kann "Südwestlich siedeln"
ohne Einschränkung empfohlen werden.
Diese Rezension wurde redaktionell betreut von:
Vera
Ziegeldorf
Quelle zur Zitation dieses Beitrages
http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2004-4-202
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