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Schriftenreihe

Beiträge zur
Stadtgeschichte und Urbanisierungsforschung

Band 3

 

 


Einsicht in die Notwendigkeit

 

Kommunale Stadtplanung in der DDR und nach der Wende (1945-1994)

 

 

Frank Betker

Von Herr-Knecht-Verhältnissen, Eigensinnnigkeiten und institutionellen Paradoxien, von Entdifferenzierung, Handlungsspielräumen und informellen Sphären handelt dieses Buch. Es widmet sich dem städtebaulichen Planen und Bauen in der DDR historisch-sozialwissenschaftlich und reflektiert Visionen und Enttäuschungen,
Glücksmomente und harte Strukturbedingungen. Die Institutionengeschichte der kommunalen Büros für Stadtplanung (am Beispiel der Städte Halle und Rostock) sowie die Erfahrungen der hier beschäftigten
Stadtplaner und Architekten stehen im
Mittelpunkt. Dabei wird das Handlungsfeld
Stadtplanung sowohl von seiner Transformation in den frühen 1990er Jahren her, als auch ausgehend von seinem Umbruch am Beginn des sozialistischen Aufbaus in der SBZ/DDR betrachtet. Wieviel Eigenständigkeit und Eigendynamik ließen die Herrschaftsverhältnisse zu? Konnten eigensinnig handelnde Stadtplaner und Architekten ein professionelles Selbstverständnis und eine eigene Berufsethik bis zum Ende der DDR bewahren? Auf welche soziale und kulturelle Wurzeln beruft sich eigensinniges Handeln? Und wie kam es im Bild der Stadt in der DDR zum Ausdruck?

2005
412 S.: 67 schw.-w. Ill.
Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg, Diss.
ISBN 3-515-08734-6

Franz Steiner Verlag

 

Rezension
von Albrecht Wiesener,
Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

„Architektur ohne Architekten“, so übertitelte die renommierte westdeutsche Architekturzeitschrift Arch+ ihre April-Ausgabe im Jahr 1990 und gab damit für die folgenden Monate und Jahre eine einflussreiche Bewertung der fachlichen Kompetenzen ostdeutscher Architekten unter den Bedingungen des Staatssozialismus vor. Deren Erfahrungen ließen sich eher als „negative[r] Lernvorgang“ beschreiben, „als Abbau und Verlernen, als zunehmender Verlust von Qualifikationen und Qualitäten“, so der Architekturkritiker Dieter Hoffmann-Axthelm.[1]

Mehr als fünfzehn Jahre nach diesem Verdikt liegt nun mit der Dissertation von Frank Betker erstmals eine empirische und auf umfangreichem Interviewmaterial beruhende Arbeit zum fachlichen Selbstverständnis und zur institutionellen Einbindung von Architekten und Städteplanern in der DDR vor, die auch die Phase der Transformation nach 1989/90 mit berücksichtigt. Das in dieser Phase geäußerte Selbstbewusstsein einer diskreditierten Berufsgruppe im Umgang mit den Anforderungen der Nachwendezeit nimmt Frank Betker zum Anlass, um nach dem beruflichen Eigensinn der Architekten und Städteplaner zu fragen. Dieser forschungsleitende Begriff wird vor dem Hintergrund der Dialektik von Differenzierungs- und Entdifferenzierungsprozessen in der DDR überzeugend entfaltet (S. 51ff.), auch wenn manchmal zu schematisch die Erfolglosigkeit der SED bei der Formung eines sozialistischen Berufstandes in den Vordergrund rückt (S. 49).

Nach einer umfangreichen, wenn auch keineswegs erschöpfenden Diskussion des Verhältnisses von Partei, Staat, Stadt und Stadtplanung (S. 82-150) nimmt die Geschichte der kommunalen Büros für Stadtplanung in der DDR bis in die Nachwendezeit den überwiegenden Teil der Darstellung ein (S. 153-264). Letztere wird exemplarisch für die beiden bedeutenden Bezirksstädte Halle/Saale und Rostock untersucht. Frank Betker gelingt es in diesem Teil der Untersuchung, zahlreiche Querverweise zu den vorangegangenen, stärker systematisierenden Kapiteln zur Einbindung des Bauwesens in das zentralistische politische und administrative System der DDR und zu einzelnen Problemfeldern der kommunalen Stadtplanung herzustellen. Dadurch gerät dieser Teil der Darstellung zu einer theoretisch informierten und mit vielen empirischen Beispielen illustrierten politischen Geschichte der Architektur und der Stadtplanung in der DDR, die man so bisher nicht lesen konnte. Die Verbindung von kommunalpolitischer, alltags- und planungsgeschichtlicher Blickrichtung war in den Forschungen zu DDR-Städten bisher ein eindeutiges Desiderat.[2] Indem der Autor für die Wendezeit 1989/90 auf zahlreiche Interviews zurückgreift, in denen Erfahrungen und Empfindungen artikuliert werden, wird diese komplexe Betrachtungsweise noch durch eine erfahrungsgeschichtliche Dimension erweitert.

Die zentrale Arbeitshypothese der Untersuchung muss man dagegen aus den Fragestellungen ableiten, sie wird nicht explizit hervorgehoben. Angesichts des offenkundigen Erklärungspotentials sozialwissenschaftlicher Deutungsansätze in Hinblick auf die DDR-Gesellschaft – Betker geht mehrmals auf die Begriffe „Entinstitutionalisierung“ und „Entdifferenzierung ein“ – fällt sein Plädoyer für dialektische Sichtweisen auf soziale und kulturelle Entwicklungen im Bauwesen und in der Stadtplanung eher verhalten aus und ist doch seine eigentliche These: „Es gilt festzustellen, inwieweit Stadtplaner und Architekten eigensinnig gehandelt haben, inwieweit (Re-) Differenzierungsprozesse im Bereich der Stadtplanung mit Eigensinn verknüpft waren und – das ist die zentrale Fragestellung der Arbeit –: worauf der berufliche Eigensinn der Stadtplaner und Architekten beruhte, auf welchen Motiven, Quellen, Ressourcen, und wie er zum Ausdruck kam.“ (S. 17)

Diese Bedeutung des Eigensinns und seiner symbolischen Repräsentation in der Berufswelt von Architekten und Stadtplanern wird am Ende der Untersuchung auf dreifache Weise systematisiert. Da ist zunächst die in der Einleitung aufgeworfene Frage, inwieweit der Eigensinn Ausdruck einer auf die Geltung von Rationalitätskriterien drängenden Differenzierung innerhalb gesellschaftlicher Institutionen und beruflicher Sinnwelten in der DDR ist. Sie kann aus der Perspektive der interviewten Architekten und Stadtplaner eindeutig beantwortet werden: Sachkenntnis, so die Einschätzung am Schluss der Untersuchung, sei „das Schlüsselwort für das Erkennen der Notwendigkeiten. Und diese liegen zuallererst in den beruflichen Standards und berufsethischen Orientierungen“ (S. 370). An dieser Stelle zeigt sich der Gewinn einer auf Interviews basierenden Untersuchung zu beruflichen Sinnwelten der DDR. Denn der Autor lässt seine Architekten und Stadtplaner ja vor allem über die Transformationsphase reden und interpretiert deren Erfahrungen auf die vorangegangene Zeit zurück, während die Interviewten ihrerseits ihre fachlichen Kenntnisse und ihr berufliches Selbstverständnis in der Projektion auf die spätere Transformationsphase und die dort gemachten Erfahrungen wiedergeben (S. 279-81). Dass „Sachkenntnis“ dabei keineswegs ein ideologiefreier Begriff ist und politische Motive gegenüber fachlichen Kriterien häufig in den Hintergrund treten, gibt auch Frank Betker zu bedenken. Dennoch erscheint sein Begriff der „authentischen Erfahrung“ (S. 371) für die Interpretation der Erfahrungen und Selbstdeutungen von Architekten und Stadtplaner vor und nach der Wende überzogen. Zum einen lässt sich die eigensinnige Unterwanderung des politischen Reichs der Notwendigkeiten nicht ohne Erklärungsverluste auf einen Begriff mit dem beruflichen Überlebenskampf im Angesicht der Marktwirtschaft bringen. Zum anderen stellt natürlich die Transformationsphase einen nicht zu unterschätzenden Filter für alle durch die SED-Politik geprägten Erfahrungs- und Sinnwelten dar. [3]

Zwei weitere Aspekte des Eigensinn-Begriffs werden in Hinblick auf die beruflichen Sinnwelten der Architekten und Stadtplaner thematisiert. Der Frage, ob Eigensinn vor allem durch die permanenten Spannungen zwischen Differenzierung und Entdifferenzierung innerhalb der DDR-Gesellschaft hervorgebracht worden sei, wird am Ende der Untersuchung in einem überaus spannenden Abschnitt nachgegangen. Die zögerlichen Zugeständnisse der SED an das eigene Projekt einer sozialistischen Industriegesellschaft haben, so Frank Betker, das Entstehen eigener Sinnwelten und Handlungsspielräume für Architekten und Stadtplaner geradezu befördert, „in denen fachliche Standards eingefordert wurden, in denen die Leitideen und Rationalitätskriterien der Profession zur Geltung drängten und vereinzelt, gleichsam symbolisch repräsentativ, in der Realität als gebauter Eigensinn zum Ausdruck kommen konnten“ (S. 375). Dagegen fallen die Ausführungen zum „Grundgedanken der traditionalen und der modernen europäischen Stadt“ (S. 382), der auch in der DDR für das berufliche Selbstverständnis der Architekten und Stadtplaner eine zunehmend wichtige Rolle gespielt habe, viel zu kurz aus. Dieser interessante Gedanke hätte eine ausführlichere Diskussion verdient, wirft er doch Fragen auf, die über den Kontext der Architektur- und Städtebaugeschichte hinaus auf die gleichermaßen geteilte und gemeinsame europäische Nachkriegsgeschichte verweisen. Die herausragende Leistung dieses Bandes bleibt davon aber unbenommen.

Anmerkungen
[1]Dieter Hoffmann-Axthelm, Rückblick auf die DDR, in: Arch+ 103/1990, S. 66-73, hier S. 66.
[2]Siehe dazu auch die vor kurzen im Christoph-Links-Verlag erschienene Studie von Philipp Springer, Verbaute Träume. Herrschaft, Stadtentwicklung und Lebensrealität in der sozialistischen Industriestadt Schwedt, Berlin 2006.
[3]Vgl. dazu Thomas Lindenberger, Kultur, Biographie und die Erfindung des Ostdeutschen. Einwände aus sozialhistorischer Sicht, in: Potsdamer Bulletin für zeithistorische Studien 18-19 (2000), S. 22-32.

Diese Rezension wurde redaktionell betreut von Christoph Classen


Zitation
Albrecht Wiesener: Rezension zu: Betker, Frank: "Einsicht in die Notwendigkeit". Kommunale Stadtplanung in der DDR und nach der Wende (1945 - 1994). Stuttgart 2005. In: H-Soz-u-Kult, 19.09.2006.

Quelle zur Zitation

http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2006-3-205

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